Paketvermittelnde Netze

Ein Kollege, der an meinem Blog vorbei gekommen ist, fragte mich: „Günter, Deine Argumentation zu dem root-Konto kann ich ja nachvollziehen, aber was stört Dich an paketvermittelnden Netzen?“.

Diese Frage kann ich nur mit einer Analogie beantworten.

Für das Gehirn besteht der Unterschied zwischen den Eindrücken „grün“ und „salzig“ einzig in Ort und Zeit der Herkunft des Signals, da alle Sinneszellen eine Reizung in die gleiche Signalsprache übersetzen. Eine starke Reizung wird mit hochfrequenten Pulsen, eine schwache Reizung mit niederfrequenten Pulsen an das Gehirn gemeldet. Ort, Zeitpunkt und Pulsfrequens sind also die einzigen Qualitäten für den Aufbau einer Interpretation der Daten durch das Gehirn.

Paketvermittelnde Netze nutzen nicht den physischen Ort und Zeitpunkt sondern Metadaten, die in der Nachricht enthalten sind, für den Aufbau einer Interpretation. Dies schafft neue Freiheiten, die sowohl positiv als auch negativ genutzt werden können.

Geht es einem um die Verteidigung von Freiheit und die Kontrolle von Machtstrukturen, dann darf man sich keine naive Haltung zu den Möglichkeiten der Manipulation der oben genannten Metadaten erlauben.

Root-Konto

Da dem Root-Konto alle Rechte (Erzeugen, Ändern, Löschen und Ausführen) an sämtlichen Ressourcen der Plattform zugeordnet sind und dessen Benutzer im Namen aller anderen Benutzerkonten handeln darf, kann der Benutzer des Root-Kontos (Superuser) alle digitalen Daten beliebig und nicht überprüfbar manipulieren. Die Nicht-Überprüfbarkeit folgt aus verschiedenen Mechanismen:

Erstens kann eine in sich stimmige und glaubhafte Änderung prinzipiell nicht als Manipulation erkannt werden, weil ein Rückgriff auf grundlegendere Daten (analoge Trägerschicht), die außerhalb der Kontrolle des Superusers liegen, wegen der eingesetzten Speichertechnologien, welche die Austauschbarkeit der Festplatten im laufenden Betrieb erlauben und die Reorganisation der digitalen Daten  mit Löschen und Wiederbeschreiben der analogen Trägerschicht durchführen, nicht sinnvoll durchgeführt werden. Ein Rückgriff auf die analoge Trägerschicht läuft auch der Abstraktion „digitale Daten“ entgegen, die ja zwecks leichteren Gebrauchs eingeführt wurde.

Zweitens sind alle Prozesse auf dem System, welche die digitalen Daten der unmittelbaren Anschauung zuführen bzw. der automatisierten Kontrolle dienen, ebenfalls unter der Willkür des Superusers (Rootkits).

Auf Daten, die der willkürlichen und nicht überprüfbaren Manipulation unterworfen sind, kann keine allgemeinverbindliche, willkürfreie Interpretation und Kommunikation aufgebaut werden.

Ein Root-Konto auf Systemen, die Daten halten, die über meine Grundrechte entscheiden, ist daher nicht vereinbar mit den Prinzipien Rechtssicherheit, Gewaltenteilung, Vorbehalt einer gesetzlichen Ermächtigung, Überprüfbarkeit der staatlichen Akte durch unabhängige Gerichte eines Rechtsstaates.